PUBIC ENEMY, NASTY RUMOURS, THE TCHIK (2024)

16. Juni 2024 · 17:54

Au-Sommerfest, Frankfurt, 8.06.2024

An dieser Stelle setzen wir nun unsere Berichterstattung zum tradionellen Sommerfest der Frankfurter AU fort. In diesem Post widmen wir uns dem spanischen All-Girl-Quartett PUBIC ENEMY sowie NASTY RUMOURS aus der Schweiz und dem Headliner des Festivals, THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM (Foto links) aus Berlin. Solltest Du Teil 1 über die drei ersten Bands FELLAWS KINGDOM, TERRORFETT und OIDORNO bisher nicht gelesen haben, kannst Du das hier bei Interesse nachholen.

Als nächstes machten sich die bestens gelaunten Madrileninnen von PUBIC ENEMY auf, die Bühne und das davor stehende Publikum zu erobern. Wie ich nach der Show bei einem kurzen Smalltalk mit der Gruppe erfuhr, kam der Auftritt durch den persönlichen Kontakt mit einem AU-Bewohner zustande – für die Spanierinnen eine tolle Sache. Erst 2019 gegründet, veröffentlichte das Quartett 2022 seinen bisher einzigen Output namens „Bad Blood“, eine Six-Song-EP, die als Grundlage für die Setlist diente.

Als Intro gab es eine kurze Tanz-Choreografie zur Melodie der Achtziger-Jahre-Science-Fiction-Komödie „Ghostbusters“, bevor PUBIC ENEMY mit ihrem zum sonnigen Wetter passenden, melodischen und mehrstimmig gesungenen Punk’n’Roll auf „Spanglish“ loslegten. Gleich beim Opener „Old Lie“, einem eingängigen Punkrock-Song, kam es allerdings zu technischen Problemen: Was zunächst nach verstimmten Gitarren klang, hatte seinen Ursprung wohl im Gitarrenverstärker selbst. Gleich zweimal musste das Lied abgebrochen werden, was eine der Musikerinnen mit den verzweifelten Worten „This is the worst gig we’ve ever played!“ samt entschuldigender Geste quittierte.

Die Zuschauer nutzen die Pausen um sich u. a. mit Apfelwein und veganer Wurst zu versorgen oder einfach ein Schwätzchen mit ihren Nachbarn zu halten. Dadurch konnte zunächst nicht die Stimmung aufkommen, die bei den vorherigen Acts herrschte und die die sympathische Truppe verdient gehabt hätte. Der erfahrene AU-Tonmeister Stefan bekam die Situation jedoch bald in den Griff.

Die Unterbrechungen gingen zwar von der Spielzeit von PUBIC ENEMY ab, doch das Quartett hatte dennoch sichtlich Spaß und konnte durch seine Spielfreude auch die Menge für sich begeistern. Für amüsierte Blicke sorgte über den tanzenden Festivalbesuchern und teilweise direkt vor den Musikerinnen etwas, das wie ein Luftballon aussah, sich bei näherem Hinsehen aber eher als ein aufgeblasenes Präservativ entpuppte (siehe Foto rechts).

Zum versöhnlichen Abschluss gab es den zu Beginn der Show missglückten Song noch einmal, der nun viel fetter rüberkam als beim ersten Anlauf. Am Ende gönnten sich PUBIC ENEMY noch ein gemeinsames Foto mit einigen Fans. Bis dahin hätten die vier Damen durchaus Chancen gehabt, für mich die beste Band des Abends zu stellen, doch es sollten ja noch zwei weitere Combos spielen…

Die erste davon, die Pop-Punks NASTY RUMOURS, stammen aus dem beschaulichen Bern. Ich habe sie bereits im vergangenen Jahr als Support von den UK SUBS im Frankfurter Club „Das Bett“ gesehen, wo ich ihnen aber leider zuwenig Beachtung schenkte. Die seit exakt zehn Jahren existierende Gruppe bedankte sich zu Beginn für den „tollen Slot“, als vorletzte Gruppe spielen zu dürfen und bezeichnete diesen sogar als „unverdient“ (das sehen wir anders) und legte dann sofort mit tief hängenden Gitarren und lässigem 77er-Punk los. Der routinierte Sänger Juli, der zugleich die Garage-Band BAD MOJOS betreibt (Bericht dazu hier), verwendete gefühlt ein mindestes fünf Meter langes Mikrokabel, das ihm das lässige Hochwerfen und Fangen desselben ermöglichte – Billy Idol und Terence Hill gemeinsam hätten es nicht besser hinbekommen.

Wer Schubladen braucht: Die BUZZco*ckS heiraten die UNDERTONES, die RAMONES sind als Trauzeugen eingeladen, während die DEAD BOYS das Buffet plündern und die ANTI-NOWHERE LEAGUE kurz vorbeischauen, ob die Bühne einmal mehr auf vollen Bierkisten aufgebaut wurde. Das war sie hier zwar nicht, aber scheinbar haben die Schweizer bei ihrer Ankunft in Frankfurt schnell Freundschaft mit dem Stöffche geschlossen, sodass die Band gemeinsam mit dem Publikum „Apfelwein“-Chöre skandierte – großartig! Interessant zu wissen wäre in diesem Zusammenhang, ob die Eidgenossen das hiesige Nationalgetränk vertragen haben und ob sie inzwischen auch Handkäs mögen.

Dass Hunde auf lauten Konzerten nichts zu suchen haben, sollte sich ja mittlerweile rumgesprochen haben, allerdings waren dafür nun ein grünes Plüsch-Alien und das Hüpfpferd „Rody“ Teil des Pogomobs. Ist doch mal ne Alternative. Wie auch immer, für mich lieferten die NASTY RUMOURS eine richtige Granate ab, sodass ich nach dem Konzert mit dem Lächeln der Mona Lisa vor der Bühne stand. Dieses sollte jedoch bei der folgenden Band schnell wieder verschwinden…

Als finaler Akt der diesjährigen Veranstaltung folgte die Electroclash-Formation THE TCHIK, deren Akronym bei vielen Festivalbesuchern zunächst mit einem Schulterzucken kommentiert wurde. Besser bekannt ist die „Band“ nämlich unter dem vollen Namen THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM, unter dem die Berliner bereits seit 2005 aktiv sind. Dabei blickt die Gruppe auf eine recht illustre Historie zurück, die mit einigen bekannten Namen des deutschen Punkrocks verbunden ist: Los ging’s mit Auftritten in Berliner Szeneläden wie dem KitKatClub, dem Tresor (u. a. mit WestBam) und dem White Trash, später wurde Archi Alert (u. a. INFERNO und TERRORGRUPPE) Manager und Mentor der Combo, es kam zu einer Tour mit K.I.Z und im Jahr 2010 erschien im Hause Universal Music mit „Jung, talentlos und gecastet“ das erste von mittlerweile vier Alben von THE TCHIK.

2013 nahm man mit dem Song „Ich brauch keine Wohnung“ (vom zweiten Album „Mama, ich blute“) am Bundesvision Song Contest teil und auf den Folgewerken gab es Kooperationen mit unter anderem Annette Benjamin von HANS-A-PLAST, Bela B. und Saskia Lavaux von SCHROTTGRENZE. Lulu f*ckface, Gründerin und einzig noch verbliebenes Originalmitglied von THE TCHIK, betreibt zudem ein Side-Projekt namens LULU & DIE EINHORNFARM. Dies ist eine imposante Biografie, die vermuten ließe, dass es mit THE TCHIK etwas ganz Besonderes auf sich hat – geniale Texte, originelle Arrangements oder eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz.

All dies habe zumindest ich nicht wahrgenommen. Für mich bot sich die Performance als eine Mischung aus bemühten Gymnastikübungen, schwer verständlichem Cheerleadergegröle und einer musikalischen Untermalung dar, die ich eher in einschlägigen Ballermann-Diskotheken verorten würde. Nun könnte man mir vorwerfen, dass mir als jemand, der bevorzugt Seventies- und Eighties-Punk hört, der Zugang zu elektronischer Musik fehlen würde, doch dem ist nicht so. Ich kann mich durchaus für elektronische Acts begeistern, ich liebe die New Yorker SUICIDE, bin Fan von SKINNY PUPPY, mag viele Bands der NDW und bin stets für alles Obskure zu haben, seien es HGICH.T, Otto von Schirach, HO99O9, Romano oder HILDEGARD VON BINGE DRINKING.

Doch alle genannten Künstler verfügen über ein Alleinstellungsmerkmal, das sie zu etwas Ungewöhnlichem, Sehenswerten und Besonderen macht, im Falle von THE TCHIK trifft dies leider nicht zu. Als mir ob des Geschehens auf der Bühne ein verstörtes „Wassolldas!?“ über die Lippen kam, wies mich mein Nachbar darauf hin, dass THE TCHIK eine feministische Agenda bedienen und sie daher zu respektieren seien. Nun, das Engagement der drei Damen ist sicherlich löblich und wert der Unterstützung, aber ähnliche Ziele haben auch Ratz und Rübe in der Sendung „Rappelkiste“ verfolgt, bei denen man vermutlich nicht auf die Idee kommen würde, sie als Headliner fürs AU-Fest zu buchen – obgleich der Unterhaltungswert der beiden Handpuppen natürlich ungleich größer wäre.

Man verstehe mich nicht falsch, THE TCHIK haben sicher ihre Berechtigung und auch ihre Fans, als Headliner eines Punk-Festivals, bei dem an gleicher Stelle bereits Acts wie SHAM 69 und GBH performten, waren die Berliner aber schlichtweg fehl am Platz – die Eröffnung eines Bällebades bei Ikea hätte sicher einen geeigneteren Rahmen für die Combo geliefert. Ich möchte allerdings noch hinzufügen, dass es THE TCHIK in unterschiedlichen Inkarnationen gibt: Beim AU-Fest wurden die drei Damen lediglich von einem „DJ“ begleitet, der gelegentlich eine Taste auf dem mitgebrachten Laptop drückte. Der Sound kam also aus der Konserve, so wie einst bei der ZDF-Hitparade, gesungen wurde live. Gelegentlich tritt die Formation wohl aber auch in Begleitung einer Band auf – ob dies die Sache besser gemacht hätte, kann ich nicht sagen.

Letztlich aber sind die Acts beim Sommerfest lediglich ein Beiwerk des geselligen Zusammenseins und des feierlichen Gedenkens daran, dass die AU nun bereits seit 41 Jahren besetzt ist. Mit diesen Gedanken im Sinn gelang es mir, auch THE TCHIK schadlos zu überstehen. Allerdings muss ich dabei wohl etwas viel getrunken haben – bereits um 22 Uhr hieß es diesmal nämlich: „Der Äppler ist alle!“.

Links: https://www.facebook.com/p/Pubic-Enemy/, https://www.instagram.com/pubicenemyband/, https://pubicenemy.bandcamp.com/, https://nastyrumours.com/, https://www.facebook.com/nastyrumours/, https://www.instagram.com/nastyrumours/, https://nastyrumours.bandcamp.com/music, https://www.last.fm/music/Nasty+Rumours, https://www.thetotencrackhurenimkofferraum.de/, https://www.facebook.com/thetchik, https://www.instagram.com/thetchik/, https://bandcamp.com/the-tchik, https://www.last.fm/music/The+Tchik

Text: Ramon (PE, NR), Marcus (TC)
Fotos: Nils (26), Kai (17), Frank (3)

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